Elke Böhm: Worte & Wölfe!

Ich bin eine Mischung
aus Naturereignis
und Schokoladenpudding
wolf

Die Elke

Was ist die Frage, die die Elke am häufigsten hört? Richtig, die nach dem Grund und dem Werdegang ihrer Wolfsbegeisterung. Daraufhin hat sie irgendwann mal eine (nicht ganz komplett autobiografische) Erzählung geschrieben, "Lupinas Wolfsweg". "Lupina" bedeutet übrigens "Wölfin", falls sich das jemand wirklich fragt.

 

Lupinas Wolfsweg

Höchstwahrscheinlich begann Lupinas Reise zu den Wölfen bereits im Krabbelalter, denn schon damals war kein einziges Tier vor ihr sicher. Wann immer die Eltern sie vermissten, fragte ihre Mutter nur: "Wo ist hier ein Tier?" Sie fand sie im Frankfurter Zoo bei den niedlichen, großen "Teddybären", man entdeckte Lupina auf dem Campingplatz in der Hundehütte des schärfsten Polizeihundes, eingekuschelt in seine Wachsamkeit, die niemand gestattete, an Lupina heranzukommen. Das verletzte, hilfsbedürftige Rotkehlchen auf dem Schulhof entdeckte natürlich Lupina, und in Madrid im Zoo wollte sie unbedingt die Haie streicheln, mal wieder sehr zum Entsetzen ihrer Eltern.

Lupina stand mit vielen Tieren ihrer Umgebung auf du und du und fühlte sich niemals alleine, doch einen Wolf gab es noch nicht in ihrem Sortiment. Und wie in Frankfurt am Main mit einem Wolf, oder gar Wölfen, in Kontakt kommen? Zu dieser Zeit kannte sie allerhöchstens den bösen Wolf aus dem Märchen, der Rotkäppchens nette Oma gefressen haben soll, und sechs von den sieben, süßen, kleinen Geißlein. Trotzdem entging Lupina dem erst sehr viel später kreierten Rotkäppchensyndrom (unnatürliche Angst vor Wölfen - frei gedeutet von der Erzählerin) und überstand die grausamen Grimmschen Märchen unbeschadet.
Lupina wuchs langsam aber stetig und sprach mit ihren Tieren. Hündisch-säugetierisch, schwälbisch-ornithologisch, krokodilisch-reptilisch waren ihr keine Fremdsprachen. Sie stellte auch ihrer eigenen Spezies neugierig tausend Fragen. Viele davon wollte niemand beantworten und vielleicht konnte es auch keiner, zum Beispiel: "Was ist Liebe?" Trotzdem lernte Lupina die Liebe, wie hätte sie sonst überleben können, aber auch eine ungekannte Grausamkeit ihrer eigenen Gattung kennen. Diese Brutalität ließ sich mit gar nichts vergleichen und verunsicherte Lupina zu tiefst. Sie fragte sich: "Wer bin ich, wo gehöre ich hin?"

In ihr entstand ein Gefühl, das Lupina nicht benennen konnte, bis ihr eines Tages der erste Westerngroschenroman in die Hände fiel. Der heldenhafte Cowboy der Geschichte hieß Lobo und führte das Leben eines einsamen, vernarbten, alten Wolfes und natürlich befreite er eine bedrohte Stadt von sämtlichen bösen Burschen ganz alleine und fand seine Gefährtin für das restliche Leben. Lupina identifizierte sich nicht mit dem Cowboy, erst recht nicht mit seiner Gefährtin, sondern wusste in ihrer teenagerhaften Theatralik sofort, dass sie ein einsamer Wolf war! (Sie begegnete also doch in Frankfurt am Main einem Wolf.) Und so begann Lupina in dunklen, kalten Nächten den Vollmond anzujaulen und fing an, Gedichte zu schreiben: "Man zwang sie früh zum Kämpfen und sie wurde ein Wolf unter Wölfen doch stets zögerte sie zu beißen oder Tiere ihres Blutes zu reißen."

Lupina wurde erwachsen, schrieb immer noch Gedichte und setzte sich gleichzeitig mit ihrer Geschlechtsidentität auseinander. Aus dem einsamen, vernarbten, alten Wolf ging die Wölfin hervor. Zur selben Zeit brachte ihr die in Mode gekommene Esoterik ein gänzlich neues Erscheinungsbild der Wölfe. Die Indianer des Wilden Westens verehrten den Wolf, wegen seines Mutes, seiner Kraft, aber hauptsächlich wegen seiner fürsorglichen Hingabe seinem Rudel gegenüber. Lupina verschlang die Bücher von Eberhard Trumler, Eric Ziemen und Desmond Morris. Selbst die Frage, wer denn zuerst die soziale Struktur lebte, die Wölfe oder die Menschen, konnte gestellt werden, ohne Skandale zu verursachen und wenn Lupina die Wölfin jetzt in dunklen, kalten Nächten den Vollmond anjaulte, wusste sie, dass sie sich auf der Suche nach ihrem Rudel befand.

An ihrem 18ten Geburtstag erfüllte sich Lupina ihren größten Wunsch. Sie hatte gelesen, dass im Wildpark "Schwarze Berge" bei Hamburg Wölfe, lebende Wölfe, ein Revier beziehen sollten. Sofort begab sie sich auf die Reise, sie musste endlich ihren ersten, lebenden Wolf sehen! Bewaffnet mit ihrer Nikon, betrat sie den dunklen Wald und kämpfte sich zitternd vor Ungeduld zu dem Wolfsgehege durch. Fast wie im Traum nahm sie das Rauschen der Baumblätter wahr, die herbstlichen Farben und den erdigen Geruch des Parks. Sie überholte kleine Rudel Kindergartenkinder, die trotz der Ermahnung der Erzieherin, sich leise zu verhalten, begannen, wie die Wölfe zu jaulen. Selbst Erwachsene ertappte sie, die sich dem Mythos nicht entziehen konnten und den Gesang der Wolfe nachahmten.
Und dann plötzlich stand der Wind still, die Sonne brach durch den Blätterwald und sie ganz allein sah ihren ersten Wolf an sich vorbei trotten. Und genauso plötzlich unterbrach er seinen Trab, drehte seinen Kopf zu ihr herum und schaute ihr tief in ihre Augen und sprach zu ihr. Lupina weiß nicht, wie es ihr in diesen Sekunden gelang, die Kamera in Anschlag zu bringen und ein Foto zu schießen, denn sie sah gerade zum ersten Mal in ihrem Leben einen echten Wolf.

Seitdem reist Lupina von Klein-Auheim nach Nürnberg, Berlin, Bad Mergentheim und viele andere Orte, an denen sich Wölfe in Deutschland aufhalten. (In Frankfurt am Main, gibt es übrigens zur Zeit noch immer keine lebenden Wölfe.) Sie schießt Bilder von schlafenden, spielenden, alten und jungen Wölfen und kann sich noch immer nicht an diesen faszinierenden Tieren satt sehen. Aber etwas veränderte sich in Lupinas Leben, sie gehört heute endlich einem eigenem Rudel an, einem Menschenrudel. Es gibt sogar Menschen, die behaupten, dass sie die Alphawölfin dieses Rudels sei. Und viele nennen sie Wolfsfrau!
Jetzt lehnt sie sich entspannt zurück und betrachtet "ihr" Foto. Und sie hört wieder die Worte ihres Wolfes, der zu ihr spricht: "Ich schaue in deine Seele, Wolfsschwester, und du schaust in meine Seele, kleine Menschenwölfin, doch du musst bei deiner eigenen Spezies Mitstreiter finden, die uns verstehen. Erst dann können meine Welpen irgendwann wieder ohne Zäune in Deutschland leben."

 


 

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